Mein Leben ohne Narben
von Ellen Werner
Es war im Mai 1999 als ich nach einem Umzug eine harte Stelle in meiner rechten Brust bemerkte.
Die Ärzte glaubten zuerst, dass es ein Bluterguss sei. Sie ordneten aber sicherheitshalber eine Mammographie an. Hierbei stellten sie dann Krebs fest. Der Krebs war schon so groß, dass man die Brust amputieren musste.
Für mich war von Anfang an klar, ich werde die Brust wieder aufbauen. Doch nach der Amputation musste ich erst einmal ein Jahr warten.
Die Ärzte wollten abwarten und nach dem Jahr umfangreiche Tests durchführen um sicher zu sein, dass sich kein neuer Krebs gebildet hat. Nachdem alles in Ordnung war, konnte ich einen Termin bei einem plastischen Chirurgen machen. Nach ungefähr 1 ½ Jahren konnte der Wiederaufbau der Brust gemacht werden.
Hierfür musste die alte Narbe noch einmal vollständig geöffnet werden. Dann wurde ein Muskel aus dem Rücken ausgelöst und zwischen die geöffnete Narbe eingesetzt. Das Ganze wurde dann mit Silikon unterpolstert.
Durch das Öffnen und Wiederverschließen der Narbe wurden die neue Narbe rot, dick und wulstig. Mich störte es nicht sonderlich.
Als es dann wieder Sommer wurde, stellte ich fest, den anderen Menschen waren meine Narben nicht egal. Ständig wurde getuschelt.
Einige Mutige fragten mich, warum ich denn so „furchtbaren Narben“ hätte.
Wenn ich meine Geschichte erzählte, waren sie immer sehr schockiert.
Bei manchen konnte ich reines Entsetzen in ihren Augen sehen. Ich versuchte, die Narben unter hochgeschlossener Kleidung zu verstecken.
Zum Schwimmen ging ich auch nicht mehr. Mir war klar, das dieses keine Lösung für immer war. Immer öfter überlegte ich, ob man diese Narben vielleicht „verstecken“ könnte. Ich wusste jedoch nicht genau, wie das möglich war.
Als ich im Fernsehen sah, wie sich eine Frau nach einer Brustoperation tätowieren ließ, wusste ich, das ist es. Lange habe ich nach jemanden gesucht, der so tätowierte, wie ich es mir vorstellte.
Dann sah ich die Arbeiten von Roman und wusste: hier lasse ich mich tätowieren. Roman war der Tätowierer, der meinem Stiel genau traf und auch bereit war, über Narben zu tätowieren.
Schnell wussten wir, dass es ein Tattoo in Schwarz- und Grautönen sein sollte. Ich war etwas nervös vor dem ersten Tattoo. Aber es tat gar nicht so weh wie ich dachte.
Wir hatten uns darauf geeinigt, dass in dem Tattoo Lilien und Ornamente enthalten sein sollten. Bei allem anderen ließ ich Roman freie Hand und wurde nicht enttäuscht. Es wurde besser als ich es mir je erträumt hatte.
Schon nach ein paar Wochen ließ ich mir einen zweiten Termin geben. Das Tattoo reichte nun von der Schulter über die Brust bis fast unter die Achsel. Auch eine Brustwarze wurde tätowiert. Sie sieht genau so aus wie meine echte. Ich war überglücklich.
Als dann mein Geburtstag anstand und Freunde, Verwandte und Kollegen fragten, was ich mir wünschen würde, bat ich sie, Geld für ein weiteres Tattoo zu sammeln. Von dem gesammelten Geld wurde das Tattoo bis zur Hüfte verlängert. Diesen Sommer war ich im Freibad und habe nach vielen Jahren erstmals wieder einen Bikini getragen.
Auch dieses Mal sprachen mich viele Menschen an.
Keiner fragte mehr nach meinen Narben.
Niemand sagte:“Oh, wie furchtbar“.
Alle hatten Fragen zu den wunderschönen Tattoo. Wo hast du es machen lassen? Hat es wehgetan? Wie viel hat es gekostet?
Immer wieder sagte man zu mir: “Das Tattoo ist einfach wunderschön“.
Auch meine Ärzte konnten es nicht fassen, dass es so schöne Tattoos gibt.
Viele Frauen sind in der gleichen Situation wie ich es war. Ich kann ihnen nur raten, überlegt nicht lange, sondern macht es. Ein gutes Tattoo kostet zwar viel Geld, aber das ist es auf jeden Fall wert.
Wer solch ein kleines Kunstwerk auf der Haut hat, der möchte es nie mehr missen. Vielleicht geht es dann wie bei meinem Mann und mir.
Wir finden die tätowierte Brust viel schöner als die Brust vor der Operation.